Warum sollten Politiker häufiger ins Lokal gehen?

Teller

Stellen sie sich folgende Situation vor:

Sie gehen in ein Lokal, zum Beispiel ein Steakhaus, weil sie Appetit auf ein richtig großes Steak haben - 300 Gramm dürfen es schon sein, schön rosa gebraten. Weil das Steak aber so üppig ist, verzichten sie ausdrücklich auf alle Beilagen. Der Kellner nimmt ihre Bestellung wunschgemäß entgegen.

Nach einigen Minuten kommt er zurück, allerdings nicht mit dem von ihnen bestellten Steak. Statt einem rosa gebratenen 300 Gramm Steak bekommen sie ein kleines 150 Gramm Steak 'gut durch'. Dazu noch eine kleine Portion rote Beete, die sie nicht bestellt hatten, weil sie dagegen allergisch sind. Des weiteren eine mittelgroße Portion Gurkensalat, den sie zwar grundsätzlich mögen, aber ebenfalls nicht bestellt hatten. Gleichzeitig erklärt ihnen der Kellner, dass sie das so nicht nur akzeptieren, sondern auch essen und vor allen Dingen auch bezahlen müssen.

Was würden sie tun? Würden sie der Aufforderung des Kellners Folge leisten? Mit Sicherheit nicht. Sie würden entweder den Geschäftsführer verlangen und auf ihrer ursprünglichen Bestellung bestehen, oder aber das Lokal umgehend verlassen - verbunden mit der festen Absicht, es nie wieder zu betreten. Auf jeden Fall würden sie ihren Freunden und Bekannten von einem Besuch abraten und vielleicht sogar eine Verbraucherschutzzentrale informieren. Als moderner Mensch stehen ihnen ebenfalls Bewertungsportale zur Verfügung, die sie nutzen können, um ihre Erfahrungen einer breiten Öffentlichkeit mitzuteilen.

Jetzt stellen sie sich folgende Situation vor:

Sie gehen in ein Wahllokal, um zu wählen. Sie entscheiden sich für eine Partei ihres Vertrauens und geben ihre Bestellung, bzw. ihren ausgefüllten Wahlzettel ab. Statt ein paar Minuten zu warten müssen sie sich bis zur ersten Hochrechnung um 18:00 gedulden und stellen fest, dass es für ihre Wahl bzw. Bestellung nicht gereicht hat. Die Partei ihres Vertrauens hat die absolute Mehrheit verpasst, sie werden also kein 'großes Steak' bekommen. Nach langwierigen Verhandlungen, an denen sie aber nicht mehr direkt beteiligt sind, wird über ihr neues 'Menü' inklusive 'Beilagen' entschieden. Im Gegensatz zum Restaurant müssen sie dieses 'Menü' akzeptieren, verdauen und vor allen Dingen auch bezahlen. Das könnte ein Grund sein, warum immer weniger Menschen ins Wahllokal gehen.

In einem demokratischen Mehrparteiensystem wird es für einzelne Parteien immer unwahrscheinlicher, die absolute Mehrheit zu erreichen. Das große Steak ist also keine realistische Option, ohne Beilagen bzw. Koalitionen geht es nicht. Pikanterweise führt das dazu, dass der Einfluss der Wählerin bzw. des Wählers abnimmt, da sie bzw. er bei den Koalitionsverhandlungen nicht mehr direkt beteiligt sind. Das bestehende System von Erst- und Zweitstimme wird den Anforderungen nicht gerecht.

Warum haben die Wählerin und der Wähler nicht die Möglichkeit sich für einzelne Parteien oder Koalitionen zu entscheiden? Wie in einem Steakhouse, wo sie über Größe des Steaks und Beilagen ebenfalls selbst entscheiden können. Hierüber nachzudenken lohnt sich.

Und darum sollten Politiker häufiger ins Lokal gehen. Guten Appetit.